Flüchtlingshelferin aus Waldkraiburg appelliert: „Holt die Familien aus Moria!“

Die Bilder vom brennenden Lager in Moria und das Leid der Flüchtlinge auf der Insel Lesbos gehen Eva Schnitker nicht aus dem Kopf. Ihr Appell: „Holt wenigstens die Familien mit Kindern.“Petzi (4) /picture alliance/Petros Giannakouris/AP/dpa
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Die Bilder vom brennenden Lager in Moria und das Leid der Flüchtlinge auf der Insel Lesbos gehen Eva Schnitker nicht aus dem Kopf. Ihr Appell: „Holt wenigstens die Familien mit Kindern.“Petzi (4) /picture alliance/Petros Giannakouris/AP/dpa

Die Integrationshilfe für Flüchtlinge ist ihre Bestimmung. Seit 2015 begleitet Eva Schnitker (76) aus Waldkraiburg junge Leute aus aller Herren Länder. Die positiven Erfahrungen, die sie dabei macht, bestärken sie in der Forderung an die Politiker: „Holt die Familien aus Moria! Das ist unsere Zukunft.“

Waldkraiburg – „Die Bilder, die jeden Tag aus Moria kommen, gehen mir nicht mehr aus dem Kopf. Ich bin entsetzt. Dabei weiß man seit Jahren, wie es dort zugeht. Und schaut seit Jahren nicht hin.“ Eva Schnitker, engagierte Flüchtlingshelferin, findet „menschenverachtend“, wie viele Politiker in Deutschland und Europa mit der Katastrophe umgehen.

Für sie ist klar: Selbst wenn nicht alle Flüchtlinge von der Insel Lesbos geholt werden könnten, „mindestens den Familien mit Kindern muss jetzt geholfen werden“.

Seit 2015 in der Flüchtlingshilfe engagiert

Deutschland allein könnte die Hälfte der Menschen aufnehmen, glaubt Schnitker. Und sie ist überzeugt: Das wäre nicht zum Schaden des Landes. „Wenn die Jungen kommen, können wir ihnen Bildung geben. Das sind einmal unsere Mitarbeiter. Das ist unsere Zukunft.“ Sie habe so tolle Erfahrungen mit Menschen gemacht, deren Integration gelungen sei.

Eva Schnitker (76) fordert, Familien aus Moria zu holen.

Von Anfang an ist Schnitker in der Integrationshilfe engagiert und hilft jungen Migranten dabei, Fuß zu fassen. Als sie im Oktober 2015 eine Gruppe Senegalesen beobachtet, die vor dem Waldkraiburger Rathaus von einer Helferin betreut wurden, hat Schnitker ihre Bestimmung gefunden. Die 76-jährige Witwe ist Integrationshelferin und Sprachpatin aus Leidenschaft.

Sprachunterricht und praktische Lebenshilfe

„Es ist einfach fantastisch, jungen Leuten, die hierher zu uns kommen, auf die Beine zu helfen“, beteuert die vitale Rentnerin. Sie habe in ihrem Berufsleben gut verdient – doch das, was sie nun beim Arbeitskreis Asyl zurückbekomme, das sei viel mehr wert.

Als die Berufsintegrationsschule, in der sie zunächst Deutsch unterrichtet hatte, nach Mühldorf ins Berufliche Schulzentrum verlegt wurde, initiierte sie kurzerhand einen „Integrationstalk“ und begleitet weiterhin in der Region ankommende Menschen aus aller Herren Länder, besonders aus Afrika, Arabien und der Türkei, nicht nur mit ihrem Sprachangebot; auch ganz praktische Lebenshilfe bietet sie jedem, der sie gern in Anspruch nimmt.

„Hier ist kein Paradies„

„Auch wenn viele Geflüchtete das erst einmal von Deutschland denken: Hier gibt es kein Paradies!“ Sprachhemmnisse sowie kulturelle und religiöse Verschiedenheiten seien nur ein Teil des Problems. Wohnungen und Jobs zu finden und dabei den bürokratischen Aufwand zu bewältigen – auch dabei hilft Eva Schnitker, so gut sie kann.

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Dabei bekommt sie es immer wieder mit menschlichen Schicksalen zu tun, die ihr Herz anrühren. Da ist zum Beispiel ein Nigerianer, der als ‚Dublin-Case‘ über Frankreich eingereist war und daher kein Bleiberecht hatte, obwohl er zuhause politischer Verfolgung ausgesetzt war. Jetzt mache er gerade eine Ausbildung zum Pflegehelfer in den USA und plane seine Rückreise nach Deutschland, was derzeit Corona erschwert.

Schützlinge nennen sie „Mama“ oder „Oma“

Oder der Fall eines psychisch kranken Mannes aus Sierra Leone, dessen Mutter im Flüchtlingsboot vor seinen Augen erschossen worden war; er wurde nach München verlegt und hat dort nach einem Angriff auf einen Sicherheitsmann eine Klage am Hals. Über den Blog ‚Fremde Freunde“, den Schnitker betreibt, konnte sie das Geld für den Anwalt über ein Crowdfunding eintreiben. Für ihre Schützlinge hat sie viel Geld von ihrer eigenen Rente in die Hand genommen. „Das reicht nie aus. Aber ich lasse keinen dieser Menschen fallen!“

„Mama“ oder „Oma“ werde sie gerne von ihren Schützlingen genannt. Der Blick geht in das Handy, wo fast im Minutentakt neue Nachrichten aufpoppen. Lauter exotisch klingende Namen melden sich. Zu jedem könnte sie etwas sagen.

„Wenn die eigenen Kinder hungern, hat man da nicht das Recht, ein besseres Leben zu suchen?“

Nachdem sie sich beim Wandern das Bein gebrochen hatte und einige Zeit im Krankenhaus bleiben musste, haben ihr viele geholfen. Ein junger Mann aus Uganda habe sie sogar in den 2. Stock zu ihrer Wohnung getragen. „Wo bekommt man heute noch so etwas?“ Wichtig sei, sich für den jeweiligen Menschen in seiner einzigartigen Situation zu interessieren.

„Uns geht es doch vergleichsweise so gut. Schauen Sie doch mal in den Jemen oder nach Afghanistan!“ Staaten, in denen teils katastrophale politische Zustände herrschen. Abgesehen davon: Was heiße eigentlich Armutsflüchtlinge? „Wenn die eigenen Kinder hungern, hat man da nicht das Recht, ein besseres Leben zu suchen?“

Dass man jeden einzelnen Menschen für sich anschaut und seine Situation begreift, das wünscht sich die Patin am allermeisten. Auch von den Politikern...

„Wir waren Heimatvertriebene“

„Geben wir unschuldigen Menschen aus Kriegsgebieten eine Chance!“ Mit diesen Worten appelliert Monika Bachmann-Wagner aus Heldenstein in Briefen an Politiker wie Innenminister Seehofer, Ministerpräsident Söder oder EU-Kommissionspräsidentin von der Leyen, die Flüchtlinge aus Moria zu retten. Die ehrenamtliche Flüchtlingshelferin, die einen Jugendlichen aus Afghanistan betreut, der sich aufs Abitur vorbereitet, und einen jungen Nigerianer, der eine Lehre macht, fühlt sich mit den Flüchtlingen verbunden, weil sie ein Kind von Heimatvertriebenen sei. „Meine Eltern und Großeltern wollte nach dem Krieg auch niemand haben.“

„Am wichtigsten ist: Sie glaubt an deine Zukunft“: Was Flüchtlinge über Eva Schnitker sagen

Seit fünf Jahren begleitet Eva Schnitker Flüchtlinge, führt sie an die deutsche Sprache heran, unterstützt sie bei Arbeits.- und Wohnungssuche und hilft, mit der Bürokratie zurecht zu kommen.Was ihre „Schützlinge“ dazu sagen:

Oluwafemi Physh, 35 Jahre, Versicherungskaufmann aus Nigeria, seit 2018 in den USA:

Oluwafemi aus Nigeria

„Eva zu treffen, gab mir Hoffnung und eine Richtung im Leben. Selbstlos handelnde Menschen mit einem großen Herzen sind hart zu finden. Sie ist geduldig und interessiert sich für den Hintergrund des Menschen; sie gibt Ratschläge, drängt aber nicht darauf, diese unbedingt zu befolgen. Am wichtigsten ist, dass sie an deine Zukunft glaubt und dich immer unterstützt.“

Luoi Nassar, 18 Jahre, aus dem Jemen, jetzt mit seiner Familie in Moosburg, besucht die Berufsintegrationsschule, will Fluglotse werden:

Luoi aus dem Jemen

„Als wir nach Deutschland gekommen sind, wussten wir nichts über Deutschland und die Gesetze, was richtig und was falsch war. Sie hat uns gelehrt, wie wir uns in die Gemeinschaft einfügen. Früher haben wir Englisch gesprochen, sie hat uns Deutsch beigebracht. Schön waren die vielen gemeinsamen Spaziergänge. Sie ist ein guter Mensch und wir lieben sie.“

Henry Oguti, 28 Jahre, aus Uganda, studierter Stadtplaner, macht jetzt eine Ausbildung zum Industriekaufmann, war früher Fußballer der ugandischen Nationalmannschaft, jetzt beim VfL Waldkraiburg:

Henry aus Uganda

„Ich habe Frau Schnitker im Mai 2017 kennengelernt, bei ihrem ehrenamtlichen Sprachkurs, der damals in der Bücherei und manchmal bei einer Kaffeerunde stattgefunden hat. Sie ist sehr aufgeschlossen, hilfsbereit und nett und hat uns sehr geholfen, nicht nur mit der Sprache, sondern in Asylfragen. Sie kümmert sich um uns wie eine Mutter und hat immer Kontakt gehalten.“ pet

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