Gift auf Ostermünchener Wiesen: Bürger sind besorgt und stechen Kreuzkraut aus

Diese Fuhre hat es in sich: Veronika Holzinger, Maria Grimm, Claudia Ruff, Siegrun Weber, Heidi Mühlhölzl, Landwirt Sebastian Kendlinger, Siegfried Mühlhölzl und Rebecka Speckbacher haben Ostermünchener Wiesen vom gefährlichen Kreuzkraut befreit. Eine Heidenarbeit. RE

Jetzt schlagen die Ostermünchener Alarm. Allein können sie die Plage nicht mehr bewältigen. Seit zwei Monaten schon befreien sie Wiesen in der Umgebung von Jakobs- und Wasser-Kreuzkraut. Denn: „Diese beiden Kreuzkräuter sind hochgiftig“, warnt Heidi Mühlhölzl.

Von Kathrin Gerlach

Tuntenhausen – Seit einigen Jahren beobachtet sie mit Sorge, wie massiv sich das giftige Kraut auch hier in der Region vermehrt. Mit seinen leuchtend gelben Blüten ist es zwar ein hübscher Farbtupfer in jeder Wiese, doch willkommen ist es nicht. „Beide Kräuter enthalten Pyrrolizidin-Alkaloiden, die vor allem bei Rindern und Pferden zu irreversiblen Leberschäden führen und krebserregend sind“, erklärt Mühlhölzl. Zudem bestehe die Gefahr, dass die Giftstoffe in die Lebensmittelkette gelangen: „In Milch, Honig und sogar in Babynahrung wurden sie bereits nachgewiesen.“

Gift darf nicht ins Futter gelangen

Vor allem Landwirte stehen vor einer großen Herausforderung: „Die Vermehrung des Kreuzkrautes beunruhigt uns sehr“, bestätigt Josef Steingraber, der Geschäftsführer des Kreisbauernverbandes. Vor allem an Straßenrändern und Bahndämmen komme es fast schon flächendeckend vor und vermehre sich von hier aus rasant. Besonders für extensiv bewirtschaftete Felder und Biolandwirte sei das giftige Kraut ein großes Problem. Wenn es in die Tiernahrung gelange, könne das schwerwiegende Folgen haben.

„Die Dosis macht das Gift“, erklärt Felix Forster, Pfanzenbauberater am Amt für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten in Rosenheim. Weidetiere verschmähten die giftige Pflanze. „Wenn sie allerdings ins Futter gelangt, merken es die Tiere nicht. Die Toxine werden bei der Heutrocknung oder in der Grassilage kaum abgebaut. Das Gift reichert sich im Körper an, was zu chronischen Leberschäden führen kann. Die Tiere verenden.“

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Dr. Hubert Schuster vom Institut für Tierernährung und Futterwirtschaft in Grub hat die tödliche Aufnahmemenge von frischem Jakobs-Kreuzkraut berechnet: Bei einem Pferd sind es 40 bis 80 Gramm pro Kilogramm Lebendgewicht und bei einem Rind 140 Gramm. „Oft werden die Vergiftungen gar nicht bemerkt“, weiß Forster, denn unspezifische Symptome wie beispielsweise das Nachlassen der Milchleistung würde ein Landwirt nicht unbedingt mit dem giftigen Kraut in Verbindung bringen. „Das Gleiche gilt bei Pferden, die an einer vermeintlichen Kolik verendet sind“, ergänzt Heidi Mühlhölzl.

Nur eines hilft: Kräuter ausgraben

Doch wie die Kreuzkräuter bekämpfen? Bei massivem Befall von Futterflächen könnten Herbizide eingesetzt werden, so Forster. Bei geringem Besatz empfehle es sich, die Pflanze mit der Wurzel auszustechen. „Aber das braucht einen langen Atem.“

Der geht den Ostermünchenern nun allmählich aus. „Es ist eine Heidenarbeit“, beschreibt Mühlhölzl. Mit Handschuhen und möglichst körperbedeckender Bekleidung haben sie den Bahndamm von Ostermünchen und Wiesenflächen von Kreuzkräutern befreit. „Das Gift verursacht Juckreiz oder Ausschlag, kann aber auch in den menschlichen Körper eindringen und zu Leberschäden führen“, warnt sie. Deshalb sei es besonders wichtig, die Kinder aufzuklären.

Zugleich komme es auf die richtige Entsorgung an, erklärt Claudia Ruff. Auch sie gehört zu den Ostermünchener Freiwilligen und weiß: „Gegen Kreuzkraut hilft das rechtzeitige Ausstechen. Damit es nicht aussamt, muss es in eine Folietüte gepackt und sofort entsorgt werden – am besten im Hausmüll.“ Bei hohem Befall dürfe die Mahd nicht verfüttert werden, sondern müsse in der Biogasanlage entsorgt werden.

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Die Ostermünchener stoßen nun an ihre Grenzen. „Wir würden gern einen Informationsabend organisieren, um die Leute zu sensibilisieren und mehr Helfer zu finden“, so Ruff. „Wir müssen jetzt die Reißleine ziehen, denn wenn das Kraut derart überhandnimmt wie in unseren Nachbarländern, wird das Gift auch in unseren Lebensmitteln zunehmen. Die Folge wären einschneidende Gesetze für die Landwirte so wie es sie in Österreich und der Schweiz bereits gibt“, blickt Mühlholzl voraus.

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Als Ursache für die schnelle Verbreitung der giftigen Kräuter vermutet der Bauernverband eine Samenmischung, die bis 2009 unter anderem von den Straßenbauämtern zur Begrünung der Randstreifen eingesetzt wurde.

„In der Landwirtschaft gelten das Jakobs- und Wasserkreuzkraut aufgrund ihrer Giftigkeit als Problemunkräuter. Auf Nichtkulturland hingegen sind die beiden Kreuzkrautarten, welche heimisch sind, als natürlicher Bestandteil anzusehen und haben für eine Vielzahl verschiedener Insektenarten eine Bedeutung als Lebensraum-, Pollen- und Futterpflanze“, so Ursula Lampe, Pressesprecherin des Staatlichen Bauamtes Rosenheim. Zur Regulierung der Kreuzkräuter auf Straßennebenflächen würden dann Maßnahmen ergriffen, wenn beispielsweise eine potenzielle Gefahr für Nachbarflächen bestehe. Dies könne der Fall sein, wenn auf den Nachbarflächen das Kreuzkraut ins Futter gelangen könnte. Mögliche Maßnahmen bestünden in einem dreimaligen Schnitt pro Jahr und im Ausreißen oder Ausstechen von Einzelpflanzen. Herbizide kämen aus Naturschutzgründen nicht zum Einsatz. Lampe: „Das Grünpflegemanagement von Kreuzkrautbeständen an Straßen wurde zwischen der Staatsbauverwaltung und der Landwirtschaftsverwaltung abgestimmt.“

Giftige Kreuzkräuter richtig bekämpfen

Jakobs-Kreuzkrautgilt als nicht schnittverträglich. Eine einfache Verdrängung erfolgt daher durch einen regelmäßigen Schnitt vor der Blütenbildung. Bei einer drei oder mehrmaligen Schnittnutzung kann sich Jakobs-Kreuzkraut nicht mehr auf der Fläche entwickeln und wird langfristig verdrängt.

FürWasser-Kreuzkraut gilt genau das Gegenteil. Die Pflanzen werden durch das Mähen sogar in der Blütengeschwindigkeit und Samenproduktion angeregt. Eine direkte Bekämpfung bei geringem Befall ist das Ausreißen oder Ausstechen der einzelnen Kreuzkraut-Pflanzen. Im Fall einer großflächigen Verseuchung ist eine Herbizidbehandlung möglich, soweit es der Schutzstatus der Fläche zulässt. In Biotopen, Naturschutzgebieten oder geschützten Landschaftsbestandteilen sind Verdrängungsmaßnahmen verboten.

Weitere ausführliche Informationen finden Sie auch hier: Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (StMELF)

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