"Ein Wunder" – Rosenheimer Ärzte retten ein 440 Gramm leichtes Frühchen

Dreieinhalb Monate später wiegt Nikoletta Alyamani annähernd 3000 Gramm. Gestern haben die Ärzte sie gesund entlassen.
  • vonAlexandra Schöne
    schließen

Nikoletta Alyamani wog bei ihrer Geburt im Romed-Klinikum Rosenheim Mitte März gerade einmal 440 Gramm. Sie kam dreieinhalb Monate zu früh auf die Welt. Gestern verließ sie das Klinikum – gesund. Ein Wunder, da sind sich alle Beteiligten einig.

Rosenheim – Auf der Neugeborenen-Intensivstation des Romed-Klinikums werden die Kinder versorgt, die viel zu früh den Bauch ihrer Mutter verlassen. Die, die ohne die Hilfe von Maschinen und intensive Pflege von Ärzten und Schwestern nicht alleine überleben können. Dazu hat auch Nikoletta gehört, die Tochter von Katharina und Filipos Alyamani.

Sie liegt in ihrem Bettchen in einem Raum im Perinatalzentrum im Romed-Klinikum Rosenheim. Das Mädchen trägt einen rosa Strampelanzug mit weißen Punkten. Das Bett ist mit vielen Kissen und Decken ausgelegt, die mit bunten Tierfiguren bedruckt sind. An dem Bettgestell über dem Kopf des Babys sind zwei Fotos angebracht. Eines zeigt das Mädchen schlafend, mit Schnuller im Mund und Kuscheltier neben sich. Auf dem anderen ist der Tag festgehalten, an dem sie 2000 Gramm schwer war.

Vitalfunktionen werden überwacht

Heute räkelt Nikoletta sich in ihrem Kissen. Um das Kind herum sind Schläuche und Kabel verteilt, die ihre Vitalfunktionen überwachen. Als ihre Mutter Katharina Alyamani sie aus dem Bettchen heraushebt, grummelt das Baby ein wenig. Es wird aber schnell von seiner Mutter beruhigt, die es an ihre Brust drückt und leise auf das Kind einredet.

Stolz und erleichtert nach vielen Wochen voller Angst und Ungewissheit: Die Tochter von Katharina und Filipos Alyamani (rechts) kam dreieinhalb Monate vor dem errechneten Geburtstermin im Romed-Klinikum Rosenheim zur Welt. Dass Nikoletta Alyamani überlebte, hält Dr. Wolfgang John (rechts), Leiter der Neonatologie im Perinatalzentrum, für ein Wunder. Schöne

Nikoletta Alyamani ist vier Monate und zwölf Tage alt. Ihr errechneter Geburtstermin war eigentlich der 6. Juli. „Wir denken, dass Katharina Alyamani in der 23. Woche schwanger war, als das Kind kam“, sagt Dr. Wolfgang John, Leiter der Neonatologie (Neugeborenenmedizin) im Perinatalzentrum. „Eigentlich wäre es der Rechnung nach die 24. Woche gewesen. Aber selbst für diesen Zeitpunkt war das Kind zu unreif.“

Lesen Sie auch: „Ich habe mich gefühlt, als sei ich die einzige“ – So hilft eine Rosenheimer Selbsthilfegruppe Frühchen-Eltern

Mutter Katharina Alyamani ist zwei Wochen vor der Geburt schon ins Klinikum gekommen. Sie hatte eine akute Erkrankung, will darauf aber nicht weiter eingehen. Eigentlich habe sie in Landshut entbinden wollen, doch dort war kein Platz für sie frei. Ebenso in München. Schließlich wurde sie mit dem Hubschrauber nach Rosenheim geflogen.

Intensive Betreuung im Klinikum

Dort wurde sie sofort intensiv betreut. Denn laut Dr. John waren die 14 Tage vor der Entbindung die zwei lebensentscheidenden Wochen für das Kind. „Die Situation war lebensbedrohlich sowohl für Nikoletta als auch für ihre Mutter. Wir mussten abwägen: Je früher wir entbinden, desto schlechter für das Kind. Je später es kommt, desto schlechter für die Mutter“, sagt Tamme Goecke, geburtshilflicher Leiter des Perinatalzentrums.

Zum Zeitpunkt der Geburt, die per Kaiserschnitt komplikationslos verlief, war Nikoletta Alyamani 28 Zentimeter groß und wog 440 Gramm. Das entspricht nicht einmal dem Gewicht von zwei Päckchen Butter.

Nikoletta war bei der Geburt so leichter als zwei Päckchen Butter.

Ihr Geburtstag: der 20. März, der Tag des Corona-Lockdowns. Das bedeutete für Filipos Alyamani, der hochbesorgte Vater und Ehemann: Er durfte nicht in den Kreißsaal und auch die nächsten Tage nicht zu seiner Tochter – aus Infektionsschutzgründen. Drei Tage nach der Geburt sah er Nikoletta zum ersten Mal. Da war die Freude natürlich groß – aber auch die Angst. Wie geht es jetzt weiter, was wird passieren? Fragen, auf die die Ärzte auch keine definitiven Antworten geben konnten. „Wir konnten immer nur sagen, dass es dem Kind im Moment gut geht. Aber wir wussten auch nicht, wie es sich entwickeln würde“, sagt Dr. John.

Nach der Geburt künstlich beatmet

Nach ihrer Geburt wurde Nikoletta Alyamani künstlich beatmet. Doch die Gefäße waren laut Dr. John so unreif, dass es schwierig war, mit der Nadel überhaupt einen Zugang zu legen. „Wie ein rohes Ei war sie.“ Bei „Frühchen“ sei es deshalb besonders wichtig, sie nur anzufassen, wenn unbedingt nötig. Und: „Es muss dunkel und leise sein. Außerdem warm, sehr warm“, erklärt Sonja Schönwälder, stellvertretende Stationsleiterin der Kinder-Intensivstation.

Dort hat Nikoletta Alyamani die meiste Zeit nach der Geburt verbracht. Dass die Eltern in die Pflege des Babys miteinbezogen werden, sei zudem ausschlaggebend. Nikoletta lag schon in ihrer ersten Lebenswoche auf der Brust ihrer Mutter. Der Fachbegriff: „Kangarooing“. So bauen Mutter und Kind eine Bindung auf, gewöhnen sich aneinander.

Für die Eltern eine sehr schwere Zeit

Nikoletta Alyamani hat sich gut entwickelt, was alles andere als ein Selbsverständlichkeit ist. Denn sie hat viele kritische Tage und Nächte hinter sich. Dr. John zufolge auch Phasen, in denen die Ärzte nicht wussten, ob sie es schaffen würde. Die Atmung und der Kreislauf seien labil gewesen. Außerdem war die Infektionsgefahr durch das nicht ausgereifte Immunsystem hoch, ergänzt Dr. Torsten Uhlig, Chefarzt der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. Für die Eltern des kleinen Mädchens: eine sehr schwere Zeit.

Das könnte Sie auch interessieren: Prokop-Fenster haben ihren Platz im Rosenheimer Romed-Klinikum gefunden

Mittlerweile geht es Nikoletta Alyamani so gut, dass sie entlassen werden konnte. Am gestrigen Freitag war der große Tag. Drei Wochen nach ihrem errechneten Geburtstermin und dreieinhalb Monate nach ihrer tatsächlichen Geburt ist sie rund 45 Zentimeter groß. Ihr Gewicht hat sich versiebenfacht. Sie wiegt nun annähernd 3000 Gramm. Dass sie das Krankenhaus gesund verlassen hat, ist laut Dr. John „wirklich ein Wunder“. Er betont aber auch: Der Verlauf und die weitere Entwicklung sehr kleiner „Frühchen“ sei im Einzelfall nie vorhersehbar.

Das Team, das Nikolettas Leben rettete: (von links) Dr. Tamme Goecke, Dr. Thorsten Uhlig, Dr. Wolfgang John, Sonja Schönwälder und Dr. Andreas Schnelzer. (Klicken Sie auf das Foto für eine vollständige Darstellung)

Umso schöner der Erfolg für die Ärzte und die Pflegekräfte im Romed-Klinikum – genauso wie für Nikolettas Eltern. Ihre Mutter ist sichtlich ergriffen. Sie bedankte sich immer wieder bei den Ärzten und beim Pflegeteam. Die Zeit in Rosenheim wird ihr in besonderer Erinnerung bleiben. „Wir haben solches Glück gehabt“, sagt Katharina Alyamani.

Stichwort „Frühchen“: Neun Prozent im Romed-Klinikum

Eine Schwangerschaft dauert in der Regel etwa 40 Wochen. Kommt das Kind mehr als drei Wochen zu früh auf die Welt, also vor 37 Schwangerschaftswochen, wird es als „Frühchen“ bezeichnet. Wird das Baby vor der 23. Woche geboren, stehen die Überlebenschancen extrem schlecht, da alle Organe noch unausgereift sind. Im Rosenheimer Romed-Klinikum werden jährlich im Schnitt 1900 Kinder geboren. Neun Prozent, also rund 170, sind Frühgeburten. Das normale Gewicht eines Neugeborenen beträgt zwischen 2700 und 3300 Gramm.

Die Gewichtsklasse der leichtesten „Frühchen“, die im Romed-Klinikum geboren wurden, liegt zwischen 400 und 500 Gramm. Die Gründe für eine Frühgeburt sind vielfältig. Das Alter und mögliche Erkrankungen der Mutter sind ausschlaggebende Faktoren. Außerdem kann die Fruchtblase zu früh platzen. Beobachtung, dass während der Corona-Pandemie in westlichen Ländern weniger Kinder zu früh auf die Welt kommen, scheinen sich auch im Romed-Klinikum zu bestätigen. Laut Medizinern können über die Gründe dafür aber derzeit nur spekuliert werden.

Vorsorge und Nachsorge: Hilfsangebote für die Eltern

In Rosenheim gibt es ein breit gefächertes Netz aus Vorsorge- und Nachsorgemöglichkeiten für Eltern mit zu früh geborenen Kindern. Zum einen gibt es vor der Geburt die Möglichkeit, die Pränataldiagnostik in Anspruch zu nehmen.

Dabei können früh mögliche Erkrankungen oder Komplikationen erkannt werden. Zum anderen werden Familien nach der Frühgeburt sozialmedizinisch betreut, mit vielen Angeboten zu Gesprächen mit Psychologen und Seelsorgern. In extremen Fällen kann auch eine häusliche Pflege stattfinden. Bei einem Elterncafé, das vom Klinikum organisiert wird, können sich Mütter und Väter über ihre Erlebnisse austauschen.

Mehr zum Thema

Kommentare