Jahrhundertflut 2013: Am 2. Juni standen Rosenheim, Bad Aibling und Kolbermoor unter Wasser

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Wo sonst Gärten und Straßen sind, ist nur noch Wasser zwischen den Häusern.
  • Silvia Mischi
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Auf den Tag genau sieben Jahre ist es jetzt her, dass Bad Aibling und Rosenheim am 2. Juni 2013 von einem starken Hochwasser getroffen wurden. Der Satz „Wir müssen die Kolbermoorer Werkssiedlung aufgeben“, sorgt heute noch bei mir für Gänsehaut, erinnert sich unsere Redakteurin Silvia Mischi.

Rosenheim – Ich hatte an jenem Tag bis in die Nacht Dienst, die Aiblinger Redaktionsräume drohten geflutet zu werden, da die Glonn kurz davor war, die Bahnhofstraße zu überschwemmen.

Silvia Mischi erinnert sich.

Sonderseiten, die bis Mitternacht fertiggestellt waren, erschienen aber nicht in der Montagsausgabe. Grund war die Stromabschaltung der Aisingerwies durch die Flutung des Mangfalldamms. Davon war auch das OVB-Druckzentrum in der Aisingerwies betroffen. Die Montagsausgabe wurde dann mit der wieder erscheinenden Dienstagsausgabe „nachgereicht“. Eine Sensation in der Historie der Heimatzeitung.

Zeitungsdruck war nicht möglich

Wasser bahnte sich unaufhaltsam seinen Weg Die Wasserfluten bahnten sich unaufhaltsam – trotz aller Bemühungen der Einsatzkräfte – ihren Weg. In nur vier Tagen fielen damals bis zu 400 Millimeter Regen pro Quadratmeter. Dies ist laut Wasserwirtschaftsamt Rosenheim rund ein Drittel des durchschnittlichen Jahresniederschlages.

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Die Schäden in den betroffenen Arealen entlang der Mangfall wurden auf über 200 Millionen Euro geschätzt. Tegernsee, Mangfall, Kalten und Chiemsee hatten Wasserstände, die durchschnittlich nur einmal in 100 Jahren erreicht werden.

Kein Durchkommen auf den Straßen

Es gab vom Mangfalltal kein Durchkommen mehr ins Chiemgau. Alle Straßenzüge waren irgendwann überflutet, verschlammt oder durch Murenabgänge einfach unpassierbar. Ich selbst konnte nicht mehr nach Hause nach Prien fahren und bezog bei meiner Familie in Rosenheim „Asyl“.

Gut in Erinnerung sind nicht nur mir zudem die Bilder der A8, als die Ausfahrt Grabenstätt durch die Tiroler Ache vollständig überflutet und erst am Nachmittag des 5. Juni wieder befahrbar war. Die Bahnstrecken München–Rosenheim, Rosenheim–Salzburg und die Strecke in Richtung Innsbruck wurden an mehreren Stellen unterbrochen.

55 Landkreise in Deutschland damals betroffen

Der Landkreis Rosenheim war nicht allein vom Jahrhunderthochwasser betroffen: In 55 Landkreisen musste in Deutschland Katastrophenalarm ausgerufen werden, vor allem in Bayern, Sachsen und Sachsen-Anhalt. Insgesamt kam es in sieben Ländern Europas zu schweren Überflutungen. Die Bundeswehr war ab dem Morgen des 3. Juni 2013 mit über 19 000 Soldaten und Reservisten vielerorts in Deutschland im Einsatz.

Sandsäckemauern als Schutz

Die Bilder der überschwemmten Bereiche im Landkreis Rosenheim sah man in der Welt. Sandsäcke gingen zwischenzeitlich den Feuerwehren sogar aus. Nachschub musste laufend besorgt werden. Die Helfer versuchten, mit Sandsäckemauern die schäumenden Wellen zu zähmen. In Rosenheim hieß es schon ab dem Vormittag des 2. Juni Katastrophenalarm, als ein Damm der Mangfall zu brechen drohte.

Die Mangfallbrücke vor dem Spinnereigelände in Kolbermoor.

Neben den Kontrollen der Deiche und Dämme sowie deren Stabilisation wurden zeitnah Teile der Stadt Kolbermoor evakuiert. Ministerpräsident Horst Seehofer kam in die Region und verschaffte sich einen Überblick über das Ausmaß der Flutkatastrophe.

Evakuierte Bürger nächtigen in Turnhallen

In Turnhallen mussten  zahlreiche Menschen nächtigen. Beispielhaft war dabei die Solidarität der Bürger im Landkreis. Über unsere OVB Heimatzeitungen-Facebookseite boten sie Übernachtungsmöglichkeiten an. Andere brachten spontan Lebensmittel in den Unterkünften vorbei.

+++ Das Wasserwirtschaftsamt Rosenheim hat das Hochwasser 2013 dokumentiert und gibt Empfehlungen zum Schutz in einer 80-Seitigen Broschüre. +++

Die Gefahr war allgegenwärtig: In der Nacht auf 3. Juni wurde der Mangfalldamm zwischen Kolbermoor und Rosenheim überschwemmt – die Ortsteile Schwaig und Oberwöhr.

Beeindruckende Solidarität der Bürger

Tagsdarauf, als es erste Entwarnungen gab und der Regen nachließ, traf ich im Supermarkt eine Frau, die eine enorme Menge Wiener Würstel für die Einsatzkräfte kaufte und sie ihnen zur Stärkung vorbringen wollte.

Ein Rosenheimer, der gerade Urlaub hatte, packte mit an und half fremden Menschen, ihr Hab und Gut zu retten, zu reinigen oder zu entsorgen. Über eine Privatinitiative, eine Facebookgruppe, kamen weitere zahlreiche Helfer zusammen, die an den Türen der Betroffenen klingelten und Unterstützung anboten.

Sandsäckemauern sollen das Übertreten verhindern.

Das Hochwasser 2013 war dabei kein Einzelfall. So waren 1999, 2002 und 2005 weitere Negativ-Spitzenjahre. Das daraus entstandene Hochwasser-Risiko-Management – mit Dämmen, Wildholzrechen und Co. hat dabei schon einiges verbessert, heißt es von Seiten des Wasserwirtschaftsamtes Rosenheim. Abgeschlossen sei dieses aber noch nicht, und jede Kommune müsse ebenfalls ihren Beitrag leisten. Über das Wie scheiden sich aber die Geister zwischen Behörde und Bürgern.

Das sagt das Wasserwirtschaftsamt über Hochwasser

Bestes Beispiel ist hierzu das aktuelle Feldollinger Rückhaltebecken. Dessen Dimension mit 6,6 Millionen Kubikmetern Fassungsvolumen auf harsche Kritik stößt und Gerichte beschäftigt.

Kritik um Rückhaltebecken: Kritik: Gemeinde wird außen vor gelassen 

Bei allem Leid und Schaden gab es einen kuriosen privaten Moment für mich: Ich wohnte 2013 kurzzeitig in einem Haus mit Chiemseeblick. Das Ufer – sonst nie sichtbar – grüßte von Osten her.

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