Urteil gesprochen

Messerattacke auf Frasdorfer Parkplatz: Täter (19) aus München muss in die Psychiatrie

Im Januar hatte ein 19-jähriger Münchner einen 20-jährigen Mann aus Bernau auf einem Parkplatz in Frasdorf mit einem Messer attackiert und schwer verletzt. Ein Gericht ordnete jetzt die Unterbringung des 19-Jährigen in der Psychiatrie an.
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Im Januar hatte ein 19-jähriger Münchner einen 20-jährigen Mann aus Bernau auf einem Parkplatz in Frasdorf mit einem Messer attackiert und schwer verletzt. Ein Gericht ordnete jetzt die Unterbringung des 19-Jährigen in der Psychiatrie an.
  • vonMonika Kretzmer-Diepold
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Die Zweifel daran, dass einem Münchner (19) mit einer ambulanten Therapie geholfen werden kann, waren zu stark: Ein Gericht ordnete am Freitag (16. Oktober) die Unterbringung des Mannes in der Psychiatrie an, nachdem er im Januar einen Bernauer (20) in Frasdorf mit einem Messer verletzt hatte.

Traunstein/Frasdorf – Ein 20-Jähriger aus Bernau wurde Opfer eines nächtlichen Überfalls am 27. Januar 2020 im eigenen Auto auf einem Parkplatz bei Frasdorf. Täter war ein 19-Jähriger aus München, den er über eine Internet-Mitfahrzentrale in Zürich mitgenommen hatte und nach Aschau bringen wollte. Der Täter ging nach einer Toilettenpause unvermittelt mit einem Messer auf den Fahrer los und verletzte ihn massiv. Die Jugendkammer Traunstein als Schwurgericht ordnete gestern die zeitlich nicht begrenzte Unterbringung des 19-Jährigen in einer psychiatrischen Klinik an und versagte Bewährung.

„Gefährliche Körperverletzung“ statt „versuchter Mord“

Vorsitzende Richterin Heike Will erkannte im Urteil auf eine „gefährliche Körperverletzung“, nicht auf einen ursprünglich angeklagten „versuchten Mord“. Der nicht ausschließbar schuldunfähige Täter könne nicht bestraft werden. Außerdem sprach das Gericht dem 20-Jährigen 10 000 Euro Schmerzensgeld zu. Die Kammer beurteilte den Fall rechtlich und von den Konsequenzen her wie Staatsanwalt Dr. Oliver Mößner.

Suizidplan verworfen

In dem Prozess hatte der 19-Jährige beteuert, er habe den Geschädigten weder verletzen noch töten, vielmehr mithilfe des Taschenmessers nur dessen Pkw erzwingen wollen – um Selbstmord zu begehen. Dabei sei das Messer von der Schulter zum Hals des 20-Jährigen abgerutscht. Letztlich habe er den Suizidplan verworfen und sich der Polizei in München gestellt.

Der 20-Jährige konnte sich damals aus dem Auto retten – weil er den Angreifer durch einen Biss in den Daumen außer Gefecht gesetzt hatte. Eine Pkw-Fahrerin leistete professionelle Erste Hilfe. Der Bernauer musste im Klinikum Rosenheim aufgrund zahlreicher Verletzungen zweimal operiert werden. Seine Hand ist bis heute nicht wieder voll beweglich.

Ohne psychiatrische Behandlung hohe Wiederholungsgefahr

Monate nach der Attacke hatte der 20-Jährige auf Instagram gepostet, es gehe ihm gut. Vor Gericht hatte er ähnlich ausgesagt. Auf eine Frage des Verteidigers korrigierte er gestern, er leide noch immer unter den Folgen. Der Nebenkläger erklärte, er sei nach dem Angriff von vielen Menschen angesprochen worden. Mit dem Post auf Instagram habe er alles abschließen wollen – um „Stärke zu zeigen“ und seine Ruhe zu haben.

In der Hauptverhandlung erkannten zwei Sachverständige auf Unterbringung des 19-Jährigen in der Psychiatrie. Die Voraussetzungen dafür seien erfüllt, die Wiederholungsgefahr in unbehandeltem Zustand groß. Abweichend empfahlen ein Privatgutachter der Verteidigung und die Vertreterin der Jugendgerichtshilfe, die Unterbringung zur Bewährung auszusetzen. Die Begründung: Der Vater des Beschuldigten sei Arzt. Die Familie wolle wieder in ihre Heimat Montenegro ziehen. Dort könne der 19-Jährige ambulant therapiert werden.

Streit mit dem Vater Auslöser der Erkrankung

Irmengard Fassmann von der Jugendgerichtshilfe am Kreisjugendamt München informierte, ein Streit des Sohnes mit dem Vater einige Monate vor der Tat sei Auslöser der Erkrankung gewesen. Man habe sich wieder versöhnt. Die Eltern unterstützten den Sohn. Fassmann hatte „keine Zweifel“ an einem weiteren guten Verlauf, zeigte sich „sicher“, dass der 19-Jährige seine Medikamente nehmen werde. „Was ist, wenn es wieder Streit mit dem Vater gibt?“ Diese Frage der Opferanwälte blieb offen.

Zugunsten des Beschuldigten nahm der Staatsanwalt im Plädoyer„einen „freiwilligen Rücktritt vom Tötungsversuch“ an. Realisiert habe der 19-Jährige eine „gefährliche Körperverletzung“. Er könne dafür nicht bestraft werden. Eine Unterbringung sei „alternativlos“, Bewährung keinesfalls möglich.

Opferanwälte melden Zweifel an

Die Opferanwälte Manfred Kösterke und Christian Pusch bezweifelten einen „freiwilligen Rücktritt“. Das Opfer vielmehr habe den Tötungsversuch beendet durch heftige Gegenwehr. Damit liege ein „versuchter Mord“ vor. Unterbringung ohne Bewährung sei anzuordnen.

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Verteidiger Alexander Esser aus München meinte in seinem über einstündigen Schlussvortrag, es gebe „zwei Opfer in diesem Verfahren“ – den 20-Jährigen, der „Schreckliches erlebt habe“, aber auch den Beschuldigten, „einen anständigen jungen Mann mit ungünstiger Disposition zu einer psychischen Erkrankung“. Unterbringung ja, aber mit Bewährung – das war das Fazit von Co-Verteidigerin Ingrid Babic. Sie betonte, Unterbringung sei „etwas ganz, ganz Schlimmes“. Bei seiner Familie befinde sich der 19-Jährige in geschützter Umgebung, seine psychische Erkrankung werde adäquat behandelt.

„Schlüssig und widerspruchsfrei“

Dagegen hatte die Kammer nicht ausräumbare Bedenken. Vorsitzende Richterin Heike Will bezeichnete den objektiven Sachverhalt als weitestgehend nachgewiesen – unter Zugrundelegung der Schilderung des Opfers. Dessen Angaben seien „schlüssig und widerspruchsfrei“ gewesen.

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