Einsiedler bei Nußdorf

Bruder Damian kennt die Einsamkeit – und half Menschen in der Coronakrise darüber hinweg

Bruder Damian lebt seit März 2019 in der Einsiedelei in Kirchwald. Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereue: „Das war Liebe auf den ersten Blick“.
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Bruder Damian lebt seit März 2019 in der Einsiedelei in Kirchwald. Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereue: „Das war Liebe auf den ersten Blick“.
  • vonBarbara Forster
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„In der Stille merkt man Gottes Plan“: Wie Einsiedler Bruder Damian über die Corona-Krise denkt. Und was er an der Einsamkeit schätzt.

Nußdorf/Kirchwald – Bruder Damian (59) liebt die Einsamkeit. Er hat sein Leben lang nach ihr gesucht. Gefunden hat er sie, als er im Dezember 2018 in Kirchwald vor der Einsiedelei und der danebenstehenden Kapelle Mariä Heimsuchung stand. Sein erster Gedanke damals: „Das ist Liebe auf den ersten Blick.“ Gott habe ihn hier hergeführt, ist der Ordensmann überzeugt. „Gott lenkt die Menschen.“

Mitten im Wald, am Berg gelegen, steht die Einsiedelei. Umrahmt von blühenden Rosen. Im Hintergrund ist lautes Vögelgezwitscher zu hören. Ein Idyll, das Bruder Damian seit März 2019 sein Zuhause nennt.

Zuerst zwei Ausbildungen, dann folgt er dem Plan Gottes

Schon als Kind merkte der gebürtige Hamburger, dass Gott Pläne mit ihm hatte. Zuerst lernte er etwas „Vernünftiges“ und machte eine Bäckerlehre. Später absolvierte er eine Ausbildung zum Pfleger. Das ebnete ihm den Weg in den Pflegeorden der Alexianer in Aachen. „Aber das war nicht das Richtige“, sagt Bruder Damian heute. Über „Altvater“ Johannes Schuster aus Regensburg kam er nach Nußdorf.

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Dort steht er jetzt vor der Eingangstür, mit schwarzer Kutte und Jesuskreuz um den Hals. Seine warmen Augen blicken freundlich. Er bittet in die Stube und führt durch einen kleinen Vorraum. Um die Ecke steht ein Tisch mit drei Stühlen. Der Ordensmann wählt den Platz, von dem aus sein Blick auf das Jesuskreuz vor ihm an der Wand fällt. Sein Lieblingsplatz. Besucher hingegen würden meist am Kamin Platz nehmen. Und Besuche – die bekomme Bruder Damian häufig. Vor Corona und auch jetzt allmählich wieder.

Ein Zuhörer in der Coronakrise

Während das öffentliche Leben in der Coronakrise still stand, habe er stattdessen viele Anrufe bekommen. Auch von jungen Leuten. Die Krise habe vielen Sorgen bereitet. Die Einsamkeit, wenn nicht selbst gewählt, kann bedrückend sein, weiß der Ordensmann. Gerade für junge Leute sei die Isolation mit Sicherheit eine schwierige Zeit gewesen. „Sie kennen das einfach nicht.“

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Ältere Leute hätte noch den Krieg miterlebt und seien andere Zeiten gewöhnt. Die Jugend aber brauche soziale Kontakte. Sein Ratschlag während des Lockdowns: „Freunde anrufen“. In so einer Phase erkenne man seine wahren Freundschaften, sagt der Katholik. Und in diese sollte man auch investieren. Aber er glaubt auch, dass das „Innehalten“ allen gutgetan habe. Nicht immer und überall erreichbar zu sein, sich auch mal eine Auszeit zu gönnen, sei wichtig. Und viele hätten das auch genutzt: Er habe so einige Menschen zur Wallfahrtskirche pilgern sehen.

Kein gutes Gefühl beim Gedanken an eine zweite Corona-Welle

Ob der Katholik eine zweite Corona-Welle befürchtet? „Ja. Da kommt noch was“, glaubt er. Und auch dann stehe er gerne wieder für Anrufe bereit.

Für den Ordensmann selbst habe sich während der Krise, bis auf die ausbleibenden Besuche, nichts verändert. Sein Tagesablauf blieb gleich: Frühmorgens startet er sein Frühgebet, sperrt im Anschluss die Kapelle auf, zündet alle Kerzen an und macht drei Gebete: einmal für die Verstorbenen, einmal für die ganze Gemeinde Nußdorf und einmal für die gesamte Schöpfung. „Und danach bekamen die Vögel was zu essen“, erklärt er lachend.

Nach drei Bypass-Operationen zurück in die Einsamkeit

Langsam erhebt sich Bruder Damian von seinem Stuhl. Erst vor einigen Wochen wurde er aus dem Krankenhaus entlassen. Ende Mai fuhr er mit dem E-Bike den Berg zur Einsiedelei hoch. „Ich kam nicht mehr mit dem Fahrrad hoch.“ Die Luft sei ihm weggeblieben. Am nächsten Tag ging er zum Arzt. Nötig waren letzten Endes drei Bypass-Operationen.

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Von dem Eingriff sei er noch angeschlagen, aber auf dem Weg zur Besserung. Er schätzt die Hilfsbereitschaft der Nußdorfer Einwohner. Von ihnen habe er sehr viel zurückbekommen. Während seiner Abwesenheit hätten sie sich rührend um die Einsiedelei und die Kapelle gekümmert, schildert er auf dem Weg zur Tür. „Alle, die hier waren, waren ganz lieb. Und sind es bis heute.“

Langeweile kennt der Ordensmann nicht

Ein Rundgang um die Kapelle zeigt das satte Grün, von welchem die Einsiedelei umgeben ist. „Hier zu sein, habe ich bis heute nicht bereut“, sagt er und blickt sich in der freien Natur um. Ob ihm niemals langweilig sei? „Nö!“ In der Stille merke man, was Gott mit einem vorhabe. „Wir Einsiedler sind sehr viel mehr ,in‘ der Welt als ,außerhalb‘ der Welt.“ Die Sinne schärfen sich.

Das Vögelgezwitscher werde lauter, die Schöpfung offenbare sich. Mit der schnelllebigen Welt hat Bruder Damian wenig gemein. Einen Fernseher? Besitzt er nicht. Einen Computer hingegen schon. Der wurde ihm kürzlich erst installiert. Mit dem Internet habe er sich aber noch nicht beschäftigt. „Ich bin viel lieber mit dem da oben vernetzt“, sagt er und deutet in den Himmel.

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