Erika Lipok war Rosenheims älteste Frau – jetzt ist sie gestorben

Ein Blick in die Vergangenheit: Erika Lipok zu ihrem 100. Geburtstag mit Dekan Daniel Reichel und der damaligen Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer.
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Ein Blick in die Vergangenheit: Erika Lipok zu ihrem 100. Geburtstag mit Dekan Daniel Reichel und der damaligen Oberbürgermeisterin Gabriele Bauer.
  • Anna Heise
    vonAnna Heise
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Zwei Tage nach ihrem 104. Geburtstag ist Erika Lipok, die bisher älteste Rosenheimerin, gestorben. Eine Geschichte über eine Frau, die für viele eine Inspiration war.

RosenheimMit 72 war sie als Stadtführerin tätig, mit 95 stieg sie auf Berge und mit 99 gab es eine Fahrt im Kettenkarussell: Erika Lipok hat das Leben genossen. In vollen Zügen. „Sie war unheimlich positiv denkend – trotz allem, was sie erlebt hat“, sagt ihre langjährige Freundin Annemarie Hofbeck.

Als Flüchtling von Schlesien nach Rosenheim

Sie spricht von der Zeit vor 75 Jahren, als Erika Lipok als Flüchtling nach Deutschland kam. Am 17. März 1945 reihte sie sich zusammen mit ihren Eltern, ihren vier Geschwistern und einer Tante in eine Flüchtlingskolonne aus Schlesien ein, kam schließlich nach Rosenheim. Kaum angekommen wurde die Notunterkunft der Familie bei einem verheerenden Luftangriff zerstört. Unterschlupf fanden sie anschließend bei einer Familie aus Rosenheim. Jahre später wird Erika Lipok sagen, dass diese Erfahrung ihr „ganzes Leben geprägt hat“.

Schicksalsschläge haben ihr Leben geprägt

Geprägt haben Erika Lipoks Leben auch einige Schicksalsschläge. So kam ihr geliebter Mann, mit sie sie gerade einmal 14 Tage verheiratet war, nie aus dem Krieg zurück. „Über diesen Verlust ist sie nie richtig hinweggekommen“, sagt Annemarie Hofbeck. Eine andere Liebe habe es nie gegeben und dementsprechend auch keine Kinder.

Jammern kam für die nun Verstorbene trotzdem nie in Frage. Sie hat sich auf das Positive im Leben konzentriert, hat immer nach vorne geschaut. Eine Eigenschaft, die auch ihre Freundinnen sehr an ihr geschätzt haben. „Sie konnte allen Dingen etwas positives abgewinnen“, sagt Hofbeck.

Gelernte Keramikmeisterin, als Sekretärin tätig

Lipok war eine gelernte Keramikmeisterin und für viele Jahre als Sekretärin bei der AOK tätig. Danach widmete sie sich ihrer ehrenamtlichen Tätigkeit in der Bücherei. Dort hat sie unter anderem Kinderbücher Korrektur gelesen. In ihrer Freizeit schrieb sie selber Gedichte, malte und töpferte. „Sie hatte immer einen Malblock dabei und konnte aus dem Stegreif seitenweise Gedichte formulieren“, sagt eine andere langjährige Freundin, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen will.

Handwerkerin, keine Künstlerin

Als Künstlerin wollte sich Erika Lipok aber trotzdem nie bezeichnen lassen. „Ich bin Handwerkerin“, sagte sie vor vier Jahren, zu ihrem 100. Geburtstag.

Doch es war nicht nur das Kreative, für das sich Erika Lipok begeistern konnte. Auch die Berge und das Reisen hatten es ihr angetan. Sie war in Tibet und Australien, fuhr mit dem Auto nach Rumänien und unternahm auch mit 95 noch Bergtouren. „Die Berge waren ihr ein und alles“, sagt die Freundin. Immer „wenn ihr danach war“ sei sie „einfach aufgebrochen“, hätte die Welt um sich herum erkundigt. Ihre Freunde bezeichnen sie als Freigeist, als jemanden, der „das Meiste aus dem Leben rausgeholt hat“.

Jährliche Besuche auf dem Rosenheimer Herbstfest

Jedes Jahre besuchte Lipok, gemeinsam mit ihren Freundinnen, das Herbstfest. Eine Runde im Kettenkarussell gehörte genauso dazu wie eine gute Brotzeit. „Sie war abenteuerlustig und wahnsinnig mutig“, sagte Annemarie Hofbeck. Es sind nur einige Adjektive, die die Rentnerin benutzt, um ihre langjährige Freundin zu beschreiben. Interessiert sei sie gewesen, wissbegierig und schlagfertig. Sie habe Humor gehabt, war ein begeisterter Bayern München Fan. „Nur Kochen konnte sie nicht“, sagte eine andere Freundin.

Vor 3,5 Jahren: Umzug ins Altenheim

Vor dreieinhalb Jahren zog Erika Lipok in das Caritas Altenheim St. Martin. Augen und Ohren machten ihr zu schaffen, sie stürzte immer häufiger. „Wenn Besuch da war, hat sie versucht, es zu überspielen“, sagt Hofbeck. Doch ihre Freundinnen durchschauten sie, wussten, wie schlecht es ihr wirklich ging. Gejammert habe sie nie.

Erinnerungen bleiben

Überraschend kam ihr Tod trotzdem nicht: „Sie hat immer wieder gesagt, dass sie bereit ist“, sagt Hofbeck. Was jetzt bleibt, sind die Erinnerungen. Und davon gibt es eine ganze Menge. Dafür hat Erika Lipok gesorgt.

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