Nach dem Disziplinenwechsel eine WM-Medaille ins Visier genommen

Gemeinsam mit Nico Reichenberger, Trainer für Nordische Kombination an der Bundespolizeisportschule Bad Endorf, wertet Würth die Ergebnisse des Trainings aus.Neumeier

Denise Herrmann ist so ein Beispiel, dass ein Sportartenwechsel klappen kann. Die ehemalige Skilangläuferin wechselte 2016 zum Biathlonsport und holte sich dort WM-Gold. Auch Evi Sachenbacher-Stehle ist ein prominentes Beispiel für so einen Tausch. Und nun also Svenja Würth: Die 26-Jährige, bei der Bundespolizeisportschule Bad Endorf beheimatet, wechselt von den Spezialspringerinnen zur Nordischen Kombination, die bei den Frauen Fahrt aufnimmt.

Bad Endorf – Bei der Entscheidung, den Wechsel vorzunehmen hatte sie die Beispiele Herrmann und Sachenbacher-Stehle nicht direkt im Hinterkopf, wie sie erzählt: „Das war eine Entscheidung aus dem Bauch heraus, die hätte ich auch ohne diese Beispiele getroffen.“ Sie hätte sich schon „immer mal Gedanken darüber“ gemacht, sagt Würth: „Ich war die letzten Jahre oft verletzt und hatte viel Ziel.“

„Das Thema hat mich gereizt“

Dabei hat sie die Entwicklung in der Nordischen Kombination „schon mit einem Auge beobachtet. Das Thema hat mich gereizt – auch, weil ich schon auf Langlaufskiern stand und mir das nicht fremd war“, bekennt die für den SV Baiersbronn startende Athletin. Die jungen Sportler sind zunächst in der Kombination unterwegs, bevor sie sich dann für den Spezialsprunglauf, den Skilanglauf oder eben weiter die Nordische Kombi entscheiden – auch bei Andreas Wellinger, Markus Eisenbichler, Constantin Schmid oder Karl Geiger war das so. „Mit dem Karl habe ich als Kind einige Wettkämpfe bestritten“, erzählt die Polizeiobermeisterin.

In der vergangenen Saison hat sie mal einen Wettkampf quasi „aus der kalten Hose heraus“ bestritten, das Resultat stufte sie als „bescheiden“ ein: „Ich bin Opfer eines typischen Anfängerfehlers geworden: Ich bin als Gejagte los und das Rennen viel zu schnell angegangen.“ Allerdings hatte sie an den beiden Tagen davor noch Weltcup-Springen in Slowenien absolviert und ist dann erst am Abend vor dem Rennen in Österreich angekommen. Aber: „Ich habe festgestellt, dass es mir Spaß macht.“

Höhere Umfänge und komplett neue Trainingsinhalte

Nun also Nordische Kombination: „Ich hätte auch nicht gedacht, dass ich mit 26 noch einmal die Gelegenheit bekomme, eine neue Sportart professionell anzufangen. Ich sehe das jetzt als große Chance.“ Und: „Es schadet manchmal nicht, wenn man nach langer Zeit aus dem gewohnten Trainingsmuster ausbricht. Ich setze mir neue Ziele und ich merke größere Fortschritte, die man eben nach 20 Jahren Skispringen nicht mehr hat.“ Würth bekennt aber auch, dass die Umstellung nicht gerade einfach ist. Am Anfang sei es „schon zäh“ gewesen. „Die Umfänge sind deutlich höher und die Trainingsinhalte komplett neu. Für mich war das viel Neuland, aber ich merke schon, dass ich da jetzt langsam hineinwachse.“

Trainer Reichenberger: „Die Augen werden auf sie gerichtet sein“

Neuland ist es auch für die Trainer: Nico Reichenberger, Trainer für Nordische Kombination in der Bundespolizeisportschule Bad Endorf, muss nicht nur den Sportartenwechsel bei Svenja Würth beachten, sondern auch die rasante Entwicklung der für den Frauen-Spitzensport noch jungen Disziplin: „Der Skisprung wird schon seit zwölf, 13 Jahren, international betrieben, die Kombination ist da noch in der Anfangsphase.“ Die Mehrheit der Kombinierinnen in Deutschland hätten aus dem Schüler-/Jugendbereich den Weg eingeschlagen, sagt Reichenberger: „Die sind allesamt noch sehr jung, Jahrgang 2001 und jünger. Svenja ist hingegen eine Quereinsteigerin und schon im Weltcup und bei Weltmeisterschaften mit Erfolgen gekrönt. Die Augen werden schon auf sie gerichtet sein“, weiß ihr Trainer.

Bei der WM im engeren Favoritenkreis

Vor allem, wenn im Februar die Heim-Weltmeisterschaft in Oberstdorf auf dem Programm steht, wo erstmals in der Frauen-Kombination WM-Medaillen vergeben werden. „Dass es zum ersten Mal einen Weltcup und eine Weltmeisterschaft gibt, hat meine Entscheidung sicherlich beeinflusst“, sagt die 26-Jährige, die dank ihrer Sprungfähigkeiten sicherlich schon einmal zum engeren Favoritenkreis zählen wird. Das Skispringen muss auch weiterhin meine Stärke bleiben. Das Laufen muss ich mir aufbauen, dazulernen und Rennerfahrung sammeln, damit ich weiß, wie ich mir so ein Rennen richtig einteilen kann“, meint Würth – einen Einbruch auf der Laufstrecke soll es möglichst nicht mehr geben.

Um der Goldmedaille, die sie 2017 bei der Weltmeisterschaft im finnischen Lahti im Mixed-Team mit ihren Bundespolizei-Teamkollegen Carina Vogt und Markus Eisenbichler sowie Andreas Wellinger errungen hat, weiteres WM-Edelmetall hinzuzufügen, trainiert Würth fleißig mit Coach Reichenberger in Bad Endorf. „Ich bin wahnsinnig dankbar, dass die Bundespolizei, vor allem auch mein Skisprungtrainer an der Sportschule, Christian Bruder, und auch mein Chef Thomas Leuthardt, bei diesem Disziplinen-Wechsel so mitgespielt und mir weiter die Förderung angeboten hat. Das ist nicht selbstverständlich, weil die Nordische Kombination bei den Damen noch keine olympische Sportart ist.“

Im Chiemgau heimisch geworden

Seit 2012 ist sie in Bad Endorf. „Im ersten Jahr bin ich noch jedes Wochenende heim in den Schwarzwald gefahren. Ich habe dann aber festgestellt, dass es im Chiemgau wunderschön sein kann und habe mich 2016 nach der Ausbildung zur Polizeibeamtin entschieden, hier her zu ziehen. Mit gefällt die Gegend wahnsinnig gut, habe bei der Bundespolizei die optimalen und professionellen Trainingsmöglichkeiten und bin mit unseren eigenen Physios und Trainern perfekt abgedeckt.“ Anfangs hatte sie noch in Rosenheim in einer WG mit Carina Vogt und der Bundespolizei-Kollegin und Skicrosserin Daniela Maier, vor eineinhalb Jahren hat sie sich aber eine eigene Wohnung in Prutting gesucht – „weil ich davon ausgehe, dass ich länger hierbleibe“. Auch in Diensten der Bundespolizei: „Dort gibt es unglaublich viele Möglichkeiten. Außerdem würde ich die Berge und den Chiemsee vermissen.“ tn

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