Weisser: „Man merkt erst, wie viel einem etwas bedeutet, wenn es nicht mehr da ist“

Gegen den deutschen Meister: Patrick Weisser (links) ist im Kampf gegen den späteren deutschen Meister 2020 David Ickes ausgeschieden.weisser

Der 19-jährige Patrick Weisser hat in seiner bisherigen Judo-Laufbahn bereits einige Titel eingeheimst. Nun ist der Bad Aiblinger für Mitte August zum Lehrgang der deutschen Herren-Nationalmannschaft eingeladen worden.

Bad Aibling– Die OVB-Sportredaktion hat sich mit Patrick Weisser und seinem Vater Denis, Judo-Abteilungsleiter des TuS Bad Aibling, über Patricks Karriere unterhalten.

Sie sind von zu Hause ausgezogen. Wie war diese Umstellung für Sie?

Ich bin im Oktober 2019 ausgezogen. Ich bin frisch 18 Jahre geworden, womit man auf dem Papier erwachsen ist – ich war es jedenfalls noch nicht. Es war auf jeden Fall etwas ganz Neues in eine WG zu ziehen. Auf einmal sind da alltägliche Aufgaben, die es davor nicht gab. Ich bin natürlich auch auf eine andere Schule gegangen und hatte ein neues Umfeld. Die ersten vier Wochen waren nicht leicht. Die Trainingshäufigkeit hat sich mehr als verdoppelt, aber mit der Zeit gewöhnt man sich daran. Für mich war es aber kein Fehler, auszuziehen, und ich bin froh, dass ich die Gelegenheit wahrgenommen habe.

Haben Sie einen Führerschein und ein Auto?

Ich mache gerade den Führerschein, bin aktuell noch mit Bus und Bahn unterwegs. Das geht ja in München zum Glück ganz gut, ich wohne auch relativ nah an der Trainingshalle.

Haben Sie dadurch mehr Kämpfe als sonst?

Kämpfe sind nicht wirklich dazu gekommen. Die Wettbewerbe bauen sich auf: erst die oberbayerische, dann die südbayerische, dann die bayerische anschließend die süddeutsche und zuletzt die deutsche Meisterschaft. Das hat sich auch nicht verändert. Da ich jetzt im Bundeskader bin, sind verschiedene Lehrgänge dazugekommen. Außerdem hat die Trainingshäufigkeit zugenommen.

Acht bis zehn Trainingseinheiten pro Woche Wie oft trainieren Sie?

Wir trainieren acht bis zehn Mal in einer Woche: darunter zwei Laufeinheiten und drei Krafttrainings, der Rest sind Techniktrainings und Randori, das ist ein Übungskampf, in dem Mann gegen Mann gekämpft wird.

Sie haben bisher schon viele gute Platzierungen bei Meisterschaften erreicht, gab es irgendwelche speziellen Momente?

Ganz klar der dritte Platz bei der deutschen U21-Meisterschaft im März 2020, das war für mich auch ein emotionaler Erfolg. In den Vorjahren bin ich immer bis zur „Deutschen“ gekommen, dann hat aber immer das letzte Etwas gefehlt. Ich habe Pech gehabt, war nicht fit genug oder auch einmal krank. Dabei hat mir das Training in München sehr geholfen. Dadurch konnte ich die letzten Prozent erreichen, die mir in den Jahren davor gefehlt haben.

„In der Bundesliga zu kämpfen macht Spaß“ Sie kämpfen jetzt in der 2. Bundesliga: Ist es ein großer Unterschied, nicht mehr zwingend gegen Gleichaltrige zu kämpfen?

Ich kämpfe trotzdem immer gegen Gegner der gleichen Gewichtsklasse, habe noch nicht wirklich viel gegen Ältere gekämpft. Es war aber schon eine neue Erfahrung, die mir weiter geholfen hat. In der Bundesliga zu kämpfen macht auch Spaß, da ich das Mannschaftsgefühl davor nicht so hatte.

Wie war Ihre Reaktion auf die Einladung zum Lehrgang der Männer-Nationalmannschaft?

Papa, willst du dazu was sagen?

Denis Weisser: Also diese Einladung war natürlich etwas ganz Besonderes. Dass Patrick ein guter Judoka ist und dass er sich im Juniorenbereich etabliert hat, wissen wir. Aber dass die Männer-Nationalmannschaft ruft, ist aus meiner Sicht ein herausragendes Ereignis und eine große Anerkennung. Er ist ja auch der Einzige aus der U21 in seiner Gewichtsklasse -60 kg, das muss man einfach als Kompliment verstehen. Ich sehe das mit einem lachenden und einem weinenden Auge – man hat den Patrick gerne zu Hause und im Verein, aber wenn dann so eine Gelegenheit kommt, wie nach München zu ziehen oder jetzt auch der Lehrgang, dann freut einen das für den Sohn. Letztendlich muss er seinen eigenen Weg gehen, es gibt nichts Schöneres, als wenn Kinder sich im Leben und in diesem Fall auch im Sport etablieren.

Wann wurde Ihnen das erste Mal bewusst, dass Sie jetzt eine feste Größe im Judo sind?

Bewusst ist es mir ehrlich gesagt immer noch nicht. Im Fußball zum Beispiel ist es anders, bei den vielen Zuschauern. Ich weiß, dass der Hype um Judo nicht annähernd so groß ist, vielleicht bekomme ich es deswegen nicht so mit. Es ist natürlich so, dass ich schon immer zu den Kämpfern, mit denen ich jetzt trainieren darf, hochgeschaut habe.

Oft kommt es auf die Tagesform an Gab es schwierige Kämpfe oder Gegner?

Jeder Judoka kämpft anders, jeder hat seinen eigenen Stil, es gibt viele unterschiedliche Techniken. Es gibt immer Gegner, mit denen man besser oder schlechter zurechtkommt. Wenn man diese Kämpfe gewinnt, ist es aber umso schöner. Im Judo sind es auch meistens immer die gleichen Gegner, wo es im Endeffekt auf die Tagesform ankommt.

Was sind Ihre Ziele für die Zukunft?

Natürlich eine Olympia-Teilnahme, ein Sieg wäre der absolute Wahnsinn – aber da muss man erstmal hinkommen. Man muss immer kleine Schritte gehen, der erste davon war jetzt in den Bundeskader zu kommen. Jetzt versuche ich, mir einen höheren Kaderstatus zu erarbeiten.

„Sport ist ein großer Teil in meinem Leben“ Haben Sie die schwierige Zeit für sich nutzen können?

Ich habe in der Coronazeit gemerkt, wie viel einem etwas bedeutet, wenn es nicht mehr da ist. Sport ist auch ein großer Teil in meinem Leben, daher fiel es mir schon schwer. Ich musste weitermachen und trainieren, die Gegner legen sich ja auch nicht auf die faule Haut.

Und es war auch ungewiss, wann es weitergeht...

Ja, ganz genau. Deshalb war es auch manchmal schwierig, sich zu motivieren. Man hatte kein Ziel vor Augen und es hätte sein können, dass es erst in einem Jahr weitergeht.

Wie haben Sie die Zeit allgemein überstanden?

Denis Weisser: Ich glaube, dass man als Gesellschaft aus dieser Situation lernen wird. Dass die Menschen sich bewusst werden, wie Patrick gesagt hat, wie wichtig manche Dinge sind: an erster Stelle die Gesundheit. Wir haben ein riesiges Glück. Wir sind gesund und können arbeiten. Organisatorisch mussten wir schwierige Entscheidungen treffen und haben die Aufgaben meiner Meinung nach gut bewältigt. Man muss an solchen Aufgaben wachsen. Interview: Leon Simeth

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