Dritter Verhandlungstag in Traunstein

Was die Polizei ermittelt hat: Prozess um den Unfalltod von Ramona und Melanie

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Die Unfallstelle in Rosenheim im November 2016.
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Vor dem Landgericht Traunstein wurde heute (17. Oktober) der Prozess um den Unfalltod von Ramona Daxlberger und Melanie Rüth vom Samerberg fortgesetzt. Was passierte am verhängnisvollen Abend im November 2016? Polizisten schilderten im Zeugenstand die Erkenntnisse ihrer Vernehmungen.

+++ Der dritte Verhandlungstag ist zu Ende. Die Verhandlung wird am Dienstag, 29. Oktober, fortgesetzt. +++

Update 14.40 Uhr: Wollten sich die Beteiligten gegenseitig entlasten?

Ein weiterer Polizeibeamter, der den Unfallfahrer zwei Tage nach dem Zusammenstoß im Krankenhaus vernommen hatte, schilderte dem Gericht Details aus der Vernehmung von Simon H, dem Fahrer des VW Golf, der frontal in den Nissan Micra gekracht war, in dem Ramona Daxlberger, Melanie Rüth und Lena Daxlberger gesessen hatte.

So hatte dem Zeugen der Golf-Fahrer berichtet, dass es ihm beim Überholvorgang so vorgekommen sei, als hätten die BMW-Fahrer immer wieder einen Schlenker in seine Richtung gemacht. Allerdings habe er auch zugegeben, dass es an der Kurve gelegen haben könnte.

„Was er aber auf jeden Fall angedeutet hat, dass er kein Platz zum Einscheren gehabt hat“, sagte der Polizist im Zeugenstand des Landgerichts Traunstein auf Nachfrage des Richters. Ob der Unfallfahrer ihm gegenüber in der Befragung auch Angaben zu einer Beschleunigung der BMW gemacht habe, daran könne er sich nicht mehr erinnern. Zur damaligen Verfassung des Unfallfahrers gab der Zeuge an: „Er hat schwer geatmet und langsam, aber deutlich gesprochen“.

Zudem war der Polizist bei der Vernehmung des Beifahrers des Angeklagten Sebastian M. mehrere Tage nach dem Unfall anwesend. Dort seien mehrere immer wieder abgeänderte Aussagen des Beifahrers auffällig gewesen.

„Er wollte die Beschuldigten jetzt nicht direkt in die Pfanne hauen“, sagte der Polizist aus. „Er hat erst nach Nachfragen zugegeben, dass wohl das Fahrverhalten nicht ganz so war, wie es hätte sein sollen.“ Der Richter hakte nach: „Also zeigte der Zeuge gegenüber dem BMW-Fahrer so etwas wie Entlastungseifer?“ Die Antwort des Polizisten: „Ja, am Anfang schon.“ Allerdings habe der Zeuge auch angegeben, dass die Lücke vor dem Unfall groß genug gewesen sei – eine Aussage, die die Beamten damals laut Aktenvermerk als „absolut glaubwürdig“ einstuften.

Update 12.30 Uhr – Zeugenaussage: "Die haben mich nicht reingelassen"

Nach der zweiten Verhandlungspause sagte der Bereitschaftsstaatsanwalt aus, der am Unfallabend zur Unfallstelle gerufen worden war. Er habe sich vor Ort umgeschaut und von einem Ersthelfer erfahren, dass der Unfallfahrer diesem gegenüber geäußert habe: "Die haben mich nicht reingelassen."

Diese Aussage sowie die Tatsache, dass beide BMW-Fahrer noch durch die Unfallstelle gefahren seien, habe ihn schließllich dazu veranlasst, die BMW-Insassen, die als Gruppe zusammen gestanden seien, zu trennen. Schließlich hätten sie dort die Zeit gehabt, sich abzusprechen. „Ob sie das getan haben, weiß ich natürlich nicht“, gab der Staatsanwalt zu Protokoll.

Ihm persönlich sei es merkwürdig vorgekommen, dass der Fahrer des hinteren BMW angegeben hatte, mehr als 100 Meter Abstand zum anderen BMW gehabt zu haben, und trotzdem noch durch die Unfallstelle gefahren sei. „Da waren ja lauter Gegenstände auf der Fahrbahn, das hat mich einfach gewundert“, sagte der Zeuge. „Natürlich war das eine rein subjektive Einschätzung von mir.“

Ob es – mit dem Hinblick auf Informationen auf ein mögliches Rennen – richtig war, die BMW-Fahrer nur als Zeugen, und nicht als Beschuldigte zu vernehmen, könne er aus heutiger Sicht nicht mehr sagen: „Damals hielt ich es jedenfalls für richtig, nachdem völlig unklar war, was passiert ist.“

Nicht aufklären konnte der Staatsanwalt, der damals Bereitschaft hatte, eine kleine Abweichungen zu einer Aussage in einem vorangegangenen Prozess, die Baron von Koskull, Verteidiger des Angeklagten R., aufgefallen war. So hatte der Zeuge einst das vom Ersthelfer aufgeschnappte Zitat „der hat mich nicht reingelassen“ zu Protokoll gegeben, in der aktuellen Befragung „die haben mich nicht reingelassen“. Wie das Zitat genau gewesen sei, könne er nicht mehr sagen.

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Der Erstbericht:

Zu Beginn des dritten Prozesstages im Berufungsprozess um den Unfalltod von Melanie Rüth (21) und Ramona Daxlberger (15) vom Samerberg vor der sechsten Strafkammer des Landgerichts Traunstein ergreift Harald Baron von Koskull, Verteidiger des Angeklagten Daniel R. (25), eine Stellungnahme zu den ermittelnden Polizisten an. Diese sollen seinen Mandanten nach dem Unfall auf der Miesbacher Straße in Rosenheim "in unverhältnismäßiger Weise observiert" und schickaniert haben.

Strafverteidiger greift Polizisten an

Alleine im Januar sei R. sowie seine Begleiter mehrmals ohne Gründe seitens der Polizei kontrolliert worden, was von Koskull als "übertriebenen Diensteifer" bezeichnete. Als Grund sieht der Anwalt eine "falsche Ermittlungshypothese", nachdem Simon H. (27), der Unfallfahrer aus Ulm, zunächst ein mögliches Rennen in den Raum gestellt hatte.

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Anschließend schilderte der erste Zeuge des Tages, einer der Polizeibeamten, die als erstes an den Unfallort gekommen waren, die Situation an der Unglücksstelle. Er sei sofort zum Nissan Micra der verunglückten Melanie Rüth gelaufen. Nachdem er gesehen habe, dass die Fahrerin bewusstlos war, habe er versucht, Ramona Daxlberger, die auf der Rücksitzbank lag, zu beruhigen. "Ich habe ihr gesagt, dass jetzt Hilfe da ist", gab der Polizeibeamte zu Protokoll, nachdem die 15-Jährige um Hilfe gerufen und gesagt habe, dass sie ihre Beine nicht mehr spüre.

Einer hat Ramona geholfen, die anderen nicht

Auch der Fahrer des hinteren BMW, das Auto eines der beiden Angeklagten, habe sich um die Schwerverletzte gekümmert, während die anderen drei Insassen der BMW abseits gestanden hätten. Eine Angabe, die Ralf Rüth, Vater der gestorbenen Melanie, nochmals bestätigt haben wollte. "Der hintere BMW-Fahrer war hinten bei Ramona und hat geholfen, die anderen nicht", wiederholte der Polizist.

Den Unfallfahrer aus Ulm, der bei einer Ersthelferin im Fahrzeug saß, habe er nur kurz zum Unfallgeschehen befragt. "Er hat aber nur benommen vor sich hin gestammelt: Unfall – überholen – nicht reingelassen – Bumm!"

Nachhaken wollte der vorsitzende Richter Dr. Jürgen Zenkel vor allem bei den ersten Ermittlungen, die in Richtung Fahrzeugrennen gegangen waren. "Hat denn, außer dem Unfallfahrer aus Ulm, irgendwer sonst einen Ansatz für einen Rennen geliefert", fragte der Richter, was der Polizeibeamte mit "Nein" beantwortete. Allerdings habe es von Zeugen den Hinweis gegen, dass bereits vor dem Unfall zwischen den beiden BMW ein Rennen auf der B15 gegeben haben könnte.

Richter glaubt einigen Aussagen der Angeklagten nicht

Auch über etwaige Hinweise, dass der Unfallfahrer von den beiden BMW-Fahrern beim Überholvorgang am Wiedereinscheren gehindert worden war, gab es nach Angaben des Polizisten keine Erkenntnisse. "Da stehen nach den bisherigen Angaben der BMW-Insassen sowie des Unfallfahrers jetzt Aussage gegen Aussage. Wobei viele Angaben der Zeugen meiner Meinung nach in den Bereich der Lüge eingeordnet werden muss", kommentierte Zenkel die bisherigen Aussagen.

Staatsanwalt Jan Salomon wollte in Hinblick auf von Koskulls Kritik am Vorgehen der Polizei gegenüber seinem Mandanten wissen, ob dem Polizeibeamten der Angeklagte Daniel R. bereits im Vorfeld des Unfalls bekannt gewesen sei. "Nein", sagte der Polizist im Zeugenstand, auch danach habe er nur einmal mit ihm zu tun gehabt. Und zwar, als der 25-Jährige wegen eines vermeintlichen Rennens am Rosenheimer Brückenberg aufgehaalten worden sei.

Nach Autorennen und Führerscheinverlust: "Dann kaufe ich mir einen Lambo"

Damals habe der BMW-Fahrer gegenüber einem Gesprächspartner am Telefon geäußert: „Jetzt haben sie mir schon wieder den Führerschein genommen. Aber das ist mir egal. Ich geb‘ meinen Führerschein einfach freiwillig für drei bis vier Jahre ab. Dann kaufe ich mir einen Lambo und penetrier' sie richtig.“

Verwirrung gabe es hingegen über eine Zeugenaussage des Unfallfahrers, der wenige Tage nach dem Unfall geäußert habe, die beiden BMW-Fahrer hätten sich ein Rennen auf der Miesbacher Straße geliefert, weshalb er letztlich ausgeschert und dann auf der Gegenfahrbahn mit dem Nissan zusammengestoßen sei. "Konnte dieser Widerspruch zur Angabe, der Golf-Fahrer habe die beiden BMW-Fahrer überholen wollen, denn in weiteren Vernehmungen aufgeklärt werden?", wollte Richter Zenkel wissen, was der Polizeibeamte verneinte.

Bei Vernehmung den Tränen nahe

Nach einer Verhandlungspause sagte ein weiterer Polizist aus, der am Unfalltag vor Ort war. Er bestätigte, dass der Unfallfahrer noch an der Unfallstelle angegeben hatte, “nicht reingelassen” worden zu sein. Während der Rettungsmaßnahmen habe er die vier BMW-Insassen als Gruppe zusammenstehen sehen, später habe er den hinteren BMW-Fahrer, den Angeklagten Sebastian M., auf der Dienststelle vernommen.

M. habe sich bei der Aussage bei der Polizei direkt nach Unfall “sehr emotionsgeladen” gezeigt. Er sei oft den Tränen nahe gewesen, habe sich extrem aufgewühlt gezeigt. Zudem habe der Angeklagte seine Aussagen mehrmals abgeändert – allerdings nur in puncto Geschwindigkeiten und Abständen. Bei der Schilderung des genauen Unfallszenarios habe er stets angegeben, “dass genügend Platz zum Einscheren gewesen ist”.

Polizistin: "Es war eine sehr schwierige Vernehmung."

“War der Angeklagte, wenn er so aufgewühlt war, denn überhaupt vernehmungsfähig?”, wollte M.s Anwalt, Dr. Andreas Michel, vom Polizisten im Zeugenstand wissen. “Ja, ich habe ihn schließlich auch gefragt”, sagte der Polizeibeamte. Was von Koskull zum Nachhaken veranlasste. Er zitierte aus einer früheren Vernehmung des Polizisten, wonach der hintere BMW-Fahrer sich bei der Vernehmung zunächst “cool” gezeigt habe, erst im Laufe der Vernehmung dann immer emotionaler geworden sei. “Hat das mit der Art ihrer Vernehmung zu tun gehabt?”, wollte von Koskull wissen. “Das kann ich mir nicht vorstellen”, erwiderte der Polizeibeamte.

Als nächster Zeuge berichtete eine Rosenheimer Polizistin, die den Unfallfahrer aus Ulm sowie deren Beifahrerin nach dem Unfall im Krankenhaus vernommen hatte. So habe der Ulmer, der bei der Vernehmung mehrmals in Tränen ausgebrochen war, von “einem Rennen, das sich die beiden BMW-Fahrer geliefert haben”, berichtet. Zudem habe der Unfallfahrer angegeben, dass er während des Überholvorgangs wieder rüberziehen wollte, “doch da war schon wieder ein BMW da”. Die Polizistin schildert weiter: “Es war eine sehr schwierige Vernehmung, da der Ulmer nicht in Sätzen, sondern nur in Halbsätzen und Worten, immer wieder durch Weinen und Zittern unterbrochen, gesprochen hat.” Sie habe die Vernehmung dann aufgrund des Zustandes des Vernommenen abgebrochen. An die Aussagen der Beifahrerin könne sie sich hingegen nicht mehr erinnern.

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