Mit blauem Auge durch die Krise

Hohe Nachfrage nach Flaschenbier hält Corona-Schäden der regionalen Brauereien in Grenzen

Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Brauereien der Region aus? Die OVB-Heimatzeitungen haben bei (von links) Auerbräu, Flötzinger-Bräu, der Brauerei Erharting, der Schlossbrauerei Maxlrain und der Brauerei Unertl nachgefragt.
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Wie wirkt sich die Corona-Pandemie auf die Brauereien der Region aus? Die OVB-Heimatzeitungen haben bei (von links) Auerbräu, Flötzinger-Bräu, der Brauerei Erharting, der Schlossbrauerei Maxlrain und der Brauerei Unertl nachgefragt.
  • Robert Wagner
    vonRobert Wagner
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Der coronabedingte Lockdown in der Gastronomie sowie die Absage der Volksfeste haben auch den Brauereien in den Landkreisen Rosenheim und Mühldorf zugesetzt. Aufgrund der steigenden Nachfrage nach Flaschenbier seien die meisten Unternehmen aber bislang mit „einem blauen Auge“ durch die Krise gekommen.

Rosenheim/Mühldorf – Statistiken vermelden einen Zuwachs beim Bierkonsum in den eigenen vier Wänden, angekurbelt durch der Lockdown und die zeitweise Schließung von Restaurants und Gaststätten. Laut Experten ist dies der stärkste Anstieg beim Verkauf von Bier- und Biermixgetränken in den vergangenen 15 Jahren. Allein im ersten Halbjahr kauften die Bundesbürger pro Kopf rund 38,6 Liter für den Hausverbrauch. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum ein Zuwachs von mehr als zehn Prozent.

Statistik liest sich wie ein Debakel

Allerdings ist das auch das einzige Plus, das in diesem Wirtschaftszweig zu verzeichnen ist – alles andere liest sich wie ein Debakel. Bundesweit sind deutliche Umsatzeinbrüche zu verzeichnen. Laut statistischem Bundesamt wurden 2020 im ersten Halbjahr 4,3 Milliarden Liter abgesetzt, 300 Millionen Liter weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahres. Dies bedeutet das niedrigste Ergebnis seit Einführung der aktuellen Erfassungsmethode im Jahr 1993.

Ausfälle im Gastronomiebereich

Welche Auswirkungen diese Entwicklung auf Brauereien in der Region hat, wie diese die Zukunft sehen und inwieweit der gestiegene Heimkonsum die Ausfälle im Gastronomiebereich kompensieren konnte, dazu haben sie die OVB-Heimatzeitungen bei Vertretern von Brauereien aus den Landkreisen Rosenheim und Mühldorf umgehört.

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Michael Hinterseer von Auerbräu in Rosenheim bezeichnet die Entwickluing als noch nie dagewesene Herausforderung, die man von heute auf morgen meistern musste. Man habe sich bemüht, die Gastronomen bestmöglich zu unterstützen, um die ersten Monate im Lockdown zu überbrücken. Besonders geschmerzt habe natürlich der Ausfall des Herbstfestes, vor allem auch in emotionaler Hinsicht: „Hier sind alle unsere Mitarbeiter mit dem Herzen dabei“, so Hinterseer, der sagt, man sei stolz, die Krise ohne personelle Auswirkungen gemeistert zu haben. Allerdings habe der erfreulich angestiegene Umsatz im Getränkehandel das Wegbrechen der Gastronomie bei weitem nicht kompensieren können.

Einbruch „bei Weitem nicht ausgeglichen“

In das gleiche Horn stößt Marlis Röhrl von der Brauerei Erharting: „Wir sind unseren Kunden sehr dankbar für den erfreulich gestiegenen Heimkonsum. Der Absatzeinbruch aufgrund der Schließung der Gastronomie und dem Wegfall sämtlicher Feste konnte dadurch jedoch bei Weitem nicht ausgeglichen werden“, sagt die Geschäftsführerin, die sich für die Gastronomie freut, dass über den Sommer durch die gute Besucherfrequenz bei Biergärten und Terrassenbetrieben viele Gastronomiekunden profitieren konnten.

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Dennoch sei man hinsichtlich der personellen Situation in der Brauerei nach wie vor im Kurzarbeitsmodus, auch dies sei dem Wegfall der Feste geschuldet. Für die Zukunft wünscht sich Röhrl ein maßvolles Agieren der Politik, damit „unsere Gastronomen überleben können“.

Andreas Steegmüller-Pyhrr von Flötzinger-Bräu in Rosenheim fasst die Lage in einem Satz zusammen: „Es geht soweit gut.“ Man habe den Absatz im Handel deutlich steigern können, freue sich über Neukunden und sei auch personell nicht zu Maßnahmen wie Kurzarbeit oder gar Kündigungen gezwungen gewesen.

Flötzinger stockt Personal auf

Ganz im Gegenteil: Man habe in dieser Zeit sogar das Personal um drei weitere Angestellte aufgestockt. Was natürlich fehle, sei der Umsatz in der Gastronomie, dessen Anteil am Gesamtvolumen der Geschäftsführer mit 25 bis 30 Prozent beziffert. Auch für ihn ein Geschäftsfeld, dass sehr viel von der Emotion bestimmt wird, schließlich habe man hier Kundenverbindungen, die schon über viele Generationen bestehen würden und die man sehr schätze.

Durch die Absagen der Volksfeste sind den Brauereien hohen Einnahmen weggebrochen.

Für die Zukunft befürchtet er aufgrund steigender Infektionszahlen eine erneute Einschränkung der Gastronomie, ganz zu schweigen von der Abend- und Nachtgastronomie, die bis heute geschlossen sei und dadurch auch keine Perspektive auf Wiederöffnung habe. Die Gastronomie im Allgemeinen zieht sich wie ein roter Faden durch die Stellungnahmen der Brauereivertreter.

„Maßvolles Handeln der Landespolitik“ gefordert

So fordert auch Roland Bräger, Brauereidirektor der Schlossbrauerei Maxlrain, ein „maßvolles Handeln der Landespolitik“. Die steigenden Infektionszahlen kämen nämlich weder aus der Gastronomie noch aus der Hotellerie. Aus Sicht der Brauerei sei man grundsätzlich „mit einem blauen Auge davongekommen“, Kurzarbeit sei nur kurzzeitig ein Thema gewesen.

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Erfreulich bewertet er die Nachfrage nach Flaschenbier, diese sei förmlich explodiert. Die Steigerung bezifferte Bräger mit mindestens 15 Prozent, im gesamten, auch nichtalkoholischen Segment, liege sie wohl bei 20 Prozent. Bei einem Gastroanteil des Umsatzes in Höhe von etwa 30 Prozent jedoch auch im Hause Maxlrain keine vollständige Kompensation des Absatzeinbruchs, wie der Direktor betont. Zu den Zukunftsaussichten meint Bräger: „Es gibt kein Drehbuch für die Pandemie“, tendenziell erwarte er sich aber nicht zu viel, denn: „Wer mit zu großen Erwartungen nach vorne blickt, wird auch schnell enttäuscht“.

Neue Strukturen bei Unertl

Etwas anders gelagert ist die Situation bei der Mühldorfer Brauerei Unertl, wie Wolfgang Unertl erklärt: „Wir haben den Rückgang auch gespürt, allerdings nicht so krass. Wir haben in dieser Zeit den gemeinsamen Vertrieb mit der Brauerei Aldersbach vorangetrieben und Synergien genutzt, neue Strukturen aufgebaut“.

Was natürlich geschmerzt habe, sei der Ausfall des Mühldorfer Volksfestes gewesen. Unertl nimmt dann auch eher allgemein Stellung und kritisiert den rasanten Preisverfall durch die Preispolitik der Großkonzerne.

„Es gibt halt keine Glaskugel“

Zu seiner Erwartung für die Zukunft meint der Brauereichef: „Es gibt halt keine Glaskugel, in der man alles sieht. Ich erwarte mir von der Politik einen verantwortungsvollen Umgang mit der Gastronomie, damit diese existieren kann.“ Eine langfristige Planung sei nicht möglich, allerdings werde es in seinem Unternehmen und in Kooperation mit Aldersbach neue Wege geben. Wie diese aussehen, ließ Unertl noch offen.

Keine Reaktionen auf die Frage, wie das Unternehmen bislang durch die Corona-Krise gekommen ist, gab es seitens der Brauerei Unertl in Haag.

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